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Full text of "Aby M. Warburg : Vortrag von Frau Professor Dr. Gertrud Bing anlässlich der feierlichen Aufstellung von Aby Warburgs Büste in der Hamburger Kunsthalle am 31. Oktober 1958 : mit einer vorausgehenden Ansprache von Senator Dr. Hans H. Biermann-Ratjen"

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Ehreo di sangue, 
Amburghese di cuorCy 
d^anima Fiorentino« 




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ABY M. WARBURG 


Vortrag von 

Frau Professor Dr. Gertrud Bing 
anläßlich der feierlichen Aufstellung 
von Aby Warburgs Büste 
in der Hamburger Kunsthalle 
am 31. Oktober 1958 
mit einer voraus gehenden Anspradie von 
Senator Dr. Hans H. Biermann-Ratjen 


Hamburg 

1958 












SENATOR DR. HANS H. BIERMANN-RATJEN 


Sehr verehrte Anwesende, 

fast auf den Tag vor 29 Jahren, und wahrsdieinlidi 
an einem ähnlichen windig-grauen, von fahlbuntem 
Blätterwerk gesdimückten Hamburger Oktobertage 
wie heute, starb Professor Aby Warburg, 63 Jahre alt, 
in Hamburg, seiner Vaterstadt, in Deutsdiland, sei¬ 
nem Vaterlande, zu deren geistiger Elke er noch un¬ 
angefochten gehörte. Wenige Jahre später nahm idh 
im Bankhause Warburg an einer Sitzung für eine der 
vielen wohltätigen Einrichtungen teil, deren Gründer, 
Max M. Warburg, den Vorsitz führte, indes draußen, 
in der Hermann- und Ferdinandstraße, stampfende 
braune Kolonnen unter rhythmischem Gröhlen die 
hereinbrechende Finsternis verkündeten. Dem toten 
großen Gelehrten konnten sie nidits mehr anhaben, 
aber nodi seine Manen, seine geistige Überlieferung, 
seine kostbare, einzigartige Bibliothek wurden aus 
ihrem Stammsitz vertrieben und fanden, auf immer 
für uns verloren, eine neue gastliche Heimat in 
England. 

Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, so 
subjektiv fortfahren, wie ich begonnen habe, denn ich 
habe Aby Warburg noch selbst gekannt, bin als junger 
Mann zu den Vorträgen in dem Doppelhause in der 
Heilwigstraße gepilgert, das damals die Bibliothek 


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Warburg beherbergte und habe noch in diese unheim¬ 
lich bannenden Augen blicken dürfen, - Augen, leuch¬ 
tend von Geist und von Schwermut umdunkelt -, die 
einem ganz unmittelbar einen Begriff davon vermit¬ 
telten, was das ist: ein genialer Mensch. Nur mit 
äußerster Behutsamkeit sollte man diese Vokabel ver¬ 
wenden, aber hier erweist sie sich als unentbehrlich 
zur Umschreibung des Phänomens, dem diese Feier¬ 
stunde gilt, und das aus Scharfsinn und Witz ebenso 
gespeist war wie aus magischem Ahnungsvermögen. 
Und wie dankbar muß ich sein, daß persönliche Er¬ 
innerung - so bescheiden sie sein mag - mich instand 
setzt, heute statt einer formellen Begrüßungsrede aus 
eignem Erlebthaben, eignem Angerührtsein sprechen 
zu können, und mich befähigt, Begriffsbilder wie 
»Nachleben der Antike«, »Kunstgeschichte als Kultur¬ 
geschichte«, »Pathosformel« lebendig in mir nachzu¬ 
vollziehen. 

Ganz außerordentlich schwer ist der Verlust, den 
wir mit der Abwanderung der Bibliothek Warburg 
erlitten haben. Denn sie ist ja weit mehr noch als nur 
eine Büchersammlung, so einzigartig und unersetzlich 
auch ihre Bestände an Kunst- und Kulturgeschichte 
und besonders der Antike sind, - sie ist das Gehäuse 
einer ständigen umfassenden geistigen Bemühung ge¬ 
wesen, und wir alle, auch wir Hamburger, müssen 
den Rettern des Instituts, dem verstorbenen Professor 
Saxl, Frau Professor Bing, den Herren Max und Eric 
Warburg, aber auch den englischen Freunden und 
Helfern tief dankbar sein, daß ihnen das überaus 


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schwierige und gefährliche Werk der Übersiedlung des 
ganzen Instituts gelungen ist. Denn für die abend¬ 
ländische Wissenschaft kam es schließlich nicht darauf 
an, wo sondern daß das Institut überhaupt weiter¬ 
lebte, und zwar unter Bedingungen, die eine konti¬ 
nuierliche Weiterarbeit nach den Methoden und Ziel¬ 
setzungen ihres Gründers gestatteten. Dieses Wagnis 
ist in bewundernswerter Weise geglückt. 

Nun sind Sie, verehrte Frau Professor Bing, die 
getreue Sachwakerin des Warburgschen Erbes, nach 
Hamburg gekommen, und wir empfinden Ihren Be¬ 
such als eine bedeutende und versöhnliche Geste. In¬ 
dem Sie damit bekunden, daß Sie bereit sind, die 
Gespenster einer furchtbaren Vergangenheit der ver¬ 
dienten Vergessenheit zu überantworten, geben Sie 
uns Gelegenheit, zu versichern, daß wir die tiefe mo¬ 
ralische Verschuldung unseres Volkes nicht vergessen 
werden und bereit sind, sie nach Kräften abzutragen. 
Darin sehen wir keine deutsche Selbsterniedrigung, 
sondern eine Katharsis. Diese Gewissensreinigung ist 
für uns die Vorbedingung und Grundlage jedes neuen 
deutschen Selbstgefühls. 

Wenn wir nun aus den Händen des Herrn Eric 
Warburg als des Vertreters der Familie die gerettete 
Bildnisbüste Aby Warburgs, die seine Gattin Mary 
Warburg-Hertz schuf, wieder in Empfang nehmen 
und im Hamburger Kunsthallen-Pantheon verdienter 
Männer wieder aufstellen, so empfinden wir das nicht 
so sehr als eine Ehrung für ihn, sondern als Ehre für 
uns, — als tröstlichen Beweis, daß sein guter Geist sich 


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nidit länger von uns abgewandt hat und zu uns zu¬ 
rückgekehrt ist. 

Ich schließe mit dem Wort von Johann Gottfried 
Herder, das Carl Georg Heise dem schönen Erinne¬ 
rungsheft an seinen einstigen Lehrer vorangestellt hat: 

»Wohl dem, den sein Lebens fr agment auch alsdann 
nicht gereut.^ 


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FRAU PROFESSOR DR. GERTRUD BING 


Ich möchte zunächst Ihnen, Herr Senator, für Ihre 
sdiönen Begrüßungsworte herzlich danken; und daran 
möchte ich meinen Dank dafür ansdiließen, daß Sie 
mich eingeladen haben, an Ihrer Gedenkfeier teil¬ 
zunehmen. Ich spreche damit auch im Namen des 
Instituts und der Universität London, der Sie einen 
so schönen Tribut gezollt haben. Nicht zum wenigsten 
gilt meine Dankbarkeit den vielen guten Freunden, 
die am Zustandekommen dieser Feier mitgewirkt 
haben. Wir alle wissen, was diese Zusammenkunft 
an dieser Stelle bedeutet, und ich freue mich, daß 
Warburgs Büste wieder in einer so würdigen und kon¬ 
genialen Umgebung ihren Platz gefunden hat. Sie ist, 
wie Sie wissen, erst nadi seinem Tode entstanden, und 
zwar deshalb, weil seine Frau ihn nie dazu bewegen 
konnte, ihr Modell zu stehen. Allerhöchstens wolle 
er sich dazu bereitfinden, sagte er, wenn sie ein Rei¬ 
terstandbild in natürlicher Größe von ihm machen 
würde. 

Er wäre mit mir sehr unzufrieden gewesen, wenn 
ich gezögert hätte, audi meinen Teil zu dieser Feier 
beizutragen. Trotzdem will ich Ihnen nidit verhehlen, 
daß es mir zuerst ganz unmöglich sdiien, vor Ihnen 
über Warburg zu sprechen. Was kann man in fünf¬ 
undvierzig Minuten über Warburg sagen? Wie kann 
man überhaupt in wenigen Stridhen das Bild eines 


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Menschen zeidinen, der in jeder seiner Äußerungen 
so sehr das Gepräge des Ungewöhnlichen trug? Außer 
seiner Familie und einigen alten Freunden werden 
nicht viele unter Ihnen sein, die ihn gekannt haben. 
Wir haben heute den 31. Oktober, und vor zwei Tagen 
waren es neunundzwanzig Jahre her, seit er gestorben 
ist. Selbst wenn Sie diejenigen befragen, die ihm nodi 
begegnet sind, werden Sie keine eindeutige Antwort 
erhalten. Einige - vielleicht sogar die meisten - wer¬ 
den Ihnen von seinem sprühenden Witz erzählen und 
eines von den vielen, mit unübertrefflicher sprach¬ 
licher Brillanz improvisierten Scherzworten zitieren, 
die von ihm im Umlauf waren und manchmal sogar 
anonym noch sind. Ein andrer wird davon sprechen, 
mit welcher Unbedingtheit sein Leben den eigenen 
inneren Gesetzen folgte, die ihn immer in die Rich¬ 
tung des Absoluten drängten. Noch ein andrer wird 
sidi daran erinnern, wie unbequem es sein konnte, 
wenn er versudite, diese Gesetze einer Umwelt an¬ 
nehmbar zu madien, die durchaus nicht immer bereit 
war, ihm zuzuhören. Sogar diejenigen seiner Schüler 
oder Freunde, denen sein wissenschaftlidies Gespräch 
unvergeßlich geblieben ist, werden nicht immer sagen 
können, worin dessen Bedeutung bestand und was es 
so ungewöhnlich eindrucksvoll machte. Warburg selbst 
pflegte von sidi zu sagen, er sei »wie gemacht für eine 
schöne Erinnerung«, In dieser witzigen Formulierung 
haben Sie zugleich eine Spur seines eigenen tragischen 
Bewußtseins davon, daß es ihm nicht vergönnt war, 
mit sich oder seiner Umgebung in ungestörter Har- 


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monie zu leben. Aber tatsächlich hat er mit diesem 
Wort recht behalten: er ist beinahe zu einer mythi¬ 
schen Figur geworden. Seiner wissenschaftlichen Per¬ 
sönlichkeit ist es nicht anders ergangen. Seine Gesam¬ 
melten Schriften umfassen nur zwei Bände. Die Resul¬ 
tate und Gedankengänge, die ihm seinen besonderen 
Platz in der Reihe der großen Kunsthistoriker seiner 
Generation gesickert haben, sind in fünf oder sechs 
Aufsätzen niedergelegt - Meisterwerke von histo¬ 
rischer Akribie, psychologischer Feinfühligkeit und 
phantasievoller Durchdringung des Materials, aber 
keine leichte Lektüre. Selbst diese geben nur einen Teil 
dessen wieder, was er für die Wissenschaft bedeutet 
hat. Um ein volles Bild davon zu gewinnen, müßte 
man die vielen Fragmente hinzuziehen, die Hinweise, 
Aperfus und Entwürfe, die sidi in immer wieder ver¬ 
suchten und immer wieder verworfenen Formulie¬ 
rungen in seinem schriftlichen Nachlaß befinden. Man 
müßte seine Vorträge wiederherstellen können, die 
er frei hielt und für die wir nur Dispositionen und 
Notizen besitzen, und die vielen ungezwungenen 
Unterhaltungen, in denen er nicht müde wurde von 
dem zu erzählen, was ihn wissenschaftlich bewegte. 
Man müßte vor allem die Arbeiten hinzuziehen, die 
seit sechsunddreißig Jahren aus dem Institut hervor¬ 
gegangen sind, das seinen Namen trägt. Ich glaube, 
beinahe in allen ließe sich das herausholen, was in¬ 
haltlich oder methodisch auf ihn zurückgeht; und mir 
scheint es sogar, daß sich jetzt rückblickend seine wis¬ 
senschaftliche Gestalt klarer aus diesen Arbeiten her- 


II 





aussdiälen ließe als es zu seinen Lebzeiten aus seinen 
Schriften allein möglich gewesen wäre. 

Das Einzige, was ich heute tun kann, ist deshalb, 
aus meiner Erinnerung ein paar Züge hervorzuholen, 
die mir für ihn charakteristisch scheinen, und im 
Zusammenhang damit soviel von seiner Arbeit zu 
erzählen, daß es nicht als eine bloße Sadie des Lo¬ 
kalpatriotismus erscheint, wenn wir heute seiner ge¬ 
denken. 

Eines möchte ich von vornherein hervorheben: War- 
burg ist kein weltfremder Gelehrter gewesen. Sein 
Bruder Max pflegte eine Gesdiichte zu erzählen, wie 
er und Aby sich als zwölf- und dreizehnjährige Jungen 
in ihr Erbrecht geteilt hätten; und zwar so, daß Max 
und nicht Aby das väterlidie Bankhaus übernehmen 
sollte, dafür aber versprechen mußte, dem älteren 
Bruder alle Bücher zu kaufen, deren dieser zu seinem 
Studium bedürfen werde. Wenn Max Warburg dieser 
Geschichte dann noch hinzufügte, dies Verspredien 
sei der größte Blankoscheck gewesen, den er je in 
seinem Leben unterzeichnet habe, dann klang sie wie 
eine typische Episode aus der Kindheit des großen 
Gelehrten, der nichts als Bücher im Kopf hat. Und bei 
einem Privatgelehrten, der alle Universitätsberufun¬ 
gen, die an ihn ergingen, konsequent abgelehnt hat, 
ist es nicht schwer an dieser Vorstellung festzuhalten. 
Aber wenn man bedenkt, daß Warburg wirklidi eine 
wissenschaftliche Bibliothek aufgebaut hat, die bei 
seinem Tode etwa 65 000 Bände umfaßte und jetzt 
ungefähr 140 000 Bände zählt, so ist selbst in dieser 


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Kindheitsanekdote ein gewisser Instinkt für den 
praktischen Medianismus des Daseins nicht zu ver¬ 
kennen. Max Warburg selbst kannte diese Fähigkeit 
seines Bruders genau. Er hat immer betont, wie leb¬ 
haft er sich für die Angelegenheiten des Bankhauses 
interessierte und wie verständnisvoll er sie beurteilte. 
»Mein Bruder wäre ein ganz guter Bankier gewor¬ 
den«, pflegte er zu sagen. Insbesondere hatte der Pro¬ 
fessor eine feine Witterung für Krisenstimmungen an 
der Börse, und wenn er unvermutet bei seinen Brüdern 
im Büro erschien mit der Bemerkung: »Ich höre die 
Fittiche des Pleitegeiers rauschen«, so hatte er häufig 
recht. Er hat audi den Aufbau seiner Bibliothek durch¬ 
aus als Beruf angesehen. Jahrelang war er sein eigener 
Bibliothekar. Es kann nicht viele Gelehrte gegeben 
haben, die auf dem internationalen Büchermarkt so 
gut zu Hause waren wie Warburg und die wie er Tag 
für Tag die späten Abendstunden ihrer Müdigkeit 
abgerungen haben, um antiquarische Bücherkataloge 
zu lesen. 

Mit dem gleichen Ernst machte er Dinge des öffent¬ 
lichen Lebens zu seiner Sache, soweit sie Wissenschaft 
und Kunst betrafen. Auch hier war er nie bereit, sich 
mit dem Mittelmäßigen abzufinden, und sich auf den 
Boden der Tatsachen zu stellen, wie der schöne Aus¬ 
druck lautet, lag ihm nicht. Aber ein anderer Zug ist 
vielleicht überraschender, besonders in dem esoteri¬ 
schen Lidit, in dem Warburg jetzt einer jüngeren 
Generation erscheint: das ist seine Sorge für die Erwach¬ 
senenbildung, die damals noch nicht so im Mittelpunkt 


13 


des Interesses stand wie jetzt, die er aber als die Vor¬ 
aussetzung jedes gedeihlichen wissenschaftlichen Le¬ 
bens ansah. Seine Vorlesungen am Volksheim, zu 
dessen Gründern er gehörte, standen keinem Univer¬ 
sitätskolleg an wissenschaftlicher Gründlichkeit nadi. 
Es gibt in diesen Vorträgen über Leonardo, oder 
Dürer, oder Florentiner Frührenaissance viele Details, 
von denen man sich sagt, daß sie die Fassungskraft 
seiner Zuhörer überstiegen haben müssen. Aber das 
hatte nichts auf sich. Es war sein Geheimnis, daß er 
allen, alt oder jung, gelehrt oder unwissend, selbst 
Kindern, das nahezubringen wußte, woran es ihm lag. 

Er war kein blinder Vorkämpfer für den Gedanken 
einer Universität in Hamburg. Es gibt Äußerungen 
von ihm, die darauf hindeuten, daß es ihm wichtiger 
erschienen wäre, zunächst einmal die vorhandenen 
Bibliotheken, Stadtbibliothek und Commerzbiblio¬ 
thek, einem größeren Kreise von interessierten Laien 
zu eröffnen - ihnen, wie er es nannte, »den Weg zum 
Buch zu weisen«. Aber als nach der Gründung der 
Hamburgischen Universität die Gefahr bestand, daß 
Ernst Cassirer durch einen Ruf nach Frankfurt von 
seinem Lehrstuhl in Hamburg weggeholt würde, ver¬ 
schmähte Warburg es nicht, in die Arena der Tages¬ 
polemik einzutreten. Er ließ seinen Artikel »Warum 
Hamburg den Philosophen Cassirer nicht verlieren 
darf« im Hamburger Fremdenblatt erscheinen, weil 
er fand, daß das große Publikum ein Recht darauf 
hatte zu erfahren, um was es bei diesen akademischen 
Besetzungsfragen ging. Hier muß idi auch die Aus- 








Stellung erwähnen, die er für das Hamburger Plane¬ 
tarium geplant, deren Aufstellung er aber nicht mehr 
erlebt hat. Sie besteht aus Bildern und Modellen, die 
die Geschichte von Astronomie und Astrologie illu¬ 
strieren, und ist das Resultat von langen Jahren ge¬ 
lehrter Forschung. Aber ihr Zweck war, in der All¬ 
gemeinheit ein historisches Bewußtsein zu wecken. Es 
schien ihm nicht genug, daß die Besucher das Schau¬ 
spiel der Sternbewegungen als fertiges Resultat vor¬ 
gesetzt bekamen; sie sollten auf die Geschichte hin¬ 
gewiesen werden, die zu unserer heutigen Vorstellung 
vom Weltall geführt hat. 

Das waren die Dinge, an die er dachte, wenn er 
sagte, er habe seinen Hamburgern immer versichert: 
»Bildung schadet nichts«. Aber er konnte andere Sai¬ 
ten aufziehen, wenn sein Gefühl für künstlerische und 
intellektuelle Integrität von denen verletzt wurde, die 
dazu bestellt waren, es besser zu wissen. Wo er eine 
solche Gefahr spürte - und in diesen Dingen war er 
sehr hellhörig -, da gab es für ihn kein Kompromiß 
und kein Ansehen von Person und Stand; ohne Scho¬ 
nung für die, die er als die Urheber des Unheils ansah, 
aber auch ohne Rücksicht darauf, ob er sich selbst un¬ 
beliebt machte, zog er mit allen Waffen seiner Feder 
und seines schneidenden Witzes zu Felde. Vielleicht 
erinnern sich einige von Ihnen noch an seinen Kampf 
um die Fresken von Hugo Vogel im Großen Saal des 
Rathauses; er hat einen geharnischten Artikel gegen 
sie geschrieben. Als er viele Jahre später während des 
ersten Weltkrieges erfuhr, daß Hugo Vogel ins Große 


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Hauptquartier berufen worden sei, um das offizielle 
Porträt von Hindenburg zu malen, sagte er in voll¬ 
kommenem Ernst: »Jetzt verlieren wir den Krieg 
sicher«. Das war alles andere als ein bon mot. Es gab 
einfach für ihn in diesen Dingen keine Zone der 
Gleichgültigkeit oder selbst der minderen Wichtigkeit. 
So protestierte er auch gegen die Innenausstattung der 
Hapagdampfer im Stil Ludwigs XIV. Durch diese 
Vorspiegelung einer falsdien Pracht würden die Pas¬ 
sagiere nur darüber hinweggetäuscht, daß sie der 
Willkür einer unberechenbaren Naturkraft ausgelie¬ 
fert wären. Daß dies sich tatsächlich im Zeitalter des 
Untergangs der »Titanic« abspielte, ist dabei gleich¬ 
gültig. Es war eine Frage des Prinzips, keinen billigen 
Optimismus zu dulden und sich nicht einem vermesse¬ 
nen Gefühl von Sicherheit hinzugeben, wo der Mensch 
doch schon dankbar sein kann, wenn er ohne Schaden 
davonkommt. Es gibt audi frivolere Geschichten die¬ 
ser Art: als er einmal als Sachverständiger vor eine 
Kommission berufen wurde, die über Auflösung oder 
Weiterführung der Abguß-Sammlung in der Kunst¬ 
halle befinden sollte, begegnete er dem bekannten 
bürokratischen Hinweis auf Präzedenzfälle und hohe 
Kosten mit dem Einwand, daß Gips in der Natur in 
unbegrenzten Mengen vorhanden sei. Der Ausdruck 
Präzedenzfall war für ihn das rote Tuch: damit konnte 
jede Initiative totgemacht werden. Ich habe mich ge¬ 
freut zu hören, daß die Abguß-Sammlung heute nodi 
besteht. 

Aber dies Bild des militanten Warburg bedarf der 


i6 



Ergänzung. Es gab keinen treueren Freund als ihn. 
Wb er fühlte, daß er anerkennen konnte, tat er es 
ohne Rückhalt, und seine heilige Unzufriedenheit ver¬ 
stummte. Ich möchte nicht verfehlen, zweier seiner 
Freunde zu gedenken, deren Namen mir an dieser 
Stelle besonders nennenswert ersdieinen. Der eine ist 
Gustav Pauli, als Direktor der Kunsthalle der Vor¬ 
gänger unseres Freundes Carl Georg Heise und sozu¬ 
sagen der Großvater im Amt unseres heutigen Haus¬ 
herrn. Der andere ist Fritz Schumadier, der als Stadt¬ 
baumeister den Teil der Kunsthalle geplant hat, in 
dem wir uns befinden. 

Dieses Verantwortungsgefühl für das öffentliche 
Wohl gehört zu Warburgs moralischer Statur und 
hätte sidi gezeigt, wo immer er gelebt hätte. Aber 
Hamburg nahm bei ihm doch noch eine besondere 
Stelle ein. Mit aller gebotenen Vorsicht glaube idi 
sagen zu können, daß gerade auch in seinen wissen- 
sdiaftlichen Arbeiten ein Stückdien Hamburg zum 
Vorschein kommt. Ich denke an seine Beiträge zur 
Kunst- und Kulturgeschichte von Florenz. 

Jetzt ist die Vorliebe für die Florentiner Kunst des 
fünfzehnten Jahrhunderts etwas aus der Mode ge¬ 
kommen; zu Warburgs Zeit war sie allgemein. Er ist 
durch August Schmarsow als Student zum ersten Mal 
nach Florenz gekommen, und Schmarsow war der 
Gründer des dortigen Deutschen Kunsthistorischen 
Instituts. Adolf Hildebrand, von dessen Ästhetik 
Warburg stark beeinflußt war, lebte in Florenz. Und 
Jacob Burckhardt, dessen Darstellung noch heute 


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unser Renaissancebild beherrscht, hatte sehr wesent¬ 
lich aus Florentiner Schriftquellen geschöpft. War- 
burgs Arbeiten knüpfen an Burckhardt an, und kein 
Lehrling kann sich der Dankesschuld dem Meister 
seines Handwerks gegenüber klarer bewußt gewesen 
sein als Warburg es in seiner Bewunderung für Burck¬ 
hardt war. Trotzdem dürfen wir heute sagen, daß das 
Bild, das Warburg von der Renaissance gezeichnet 
hat, in vielen Punkten über das von Burckhardt hin¬ 
ausgeht. 

Warburg hat als junger Ehemann etwa zehn Jahre 
in Florenz gelebt, und seine älteste Tochter ist dort 
geboren. Vielleicht wäre er nicht nach Hamburg zu¬ 
rückgekommen, wenn er nicht gefühlt hätte, daß er 
sich von der Fülle des Materials, das ihm aus dem 
Archiv, aus den Sammlungen und Kirchenschätzen 
zuströmte, entfernen mußte, um es gedanklich verar¬ 
beiten zu können. Jedes Wort, das er über Florenz 
geschrieben hat, trägt den Stempel einer so persön¬ 
lichen Beziehung, wie man ihr im wissenschaftlichen 
Schrifttum nicht häufig begegnet. Man könnte 
beinahe sagen, daß Warburg in den Arbeiten über 
Florenz seine Buddenbrooks geschrieben hat. Noch in 
seinen letzten Lebensjahren ist er seiner Sprache, sei¬ 
nen Gesten, seinem ganzen Gebaren nach in Florenz 
immer für einen Florentiner gehalten worden, und 
mit seinem feingliedrigen Körperbau und seinem aus¬ 
drucksvollen dunklen Kopf ist er auch physiogno- 
misch dort weniger herausgefallen als in Hamburg. 
Ich kann es mir nicht versagen. Ihnen eine Gesdiichte 


i8 





zu erzählen, die gar nicht hierher gehört, außer daß 
sie den Florentiner Warburg in Aktion zeigt. Eines 
Sommers waren Gerüchte über eine Typhusepidemie 
im Umlauf, und Warburg lief bei allen Behörden 
herum, um sie zu vernünftigen Vorsichtsmaßregeln zu 
bewegen. Aber die Gefahr wurde so lange abgestrit¬ 
ten, bis man schließlich in der Wasserleitung, aus der 
von Fiesoie her das Florentiner Trinkwasser kam, 
einen toten Esel fand. Als Warburg daraufhin in 
bitterem Triumph und mit aller Absicht, eine wilde 
Anklage zu erheben, wieder bei der Behörde erschien, 
bekam er die Antwort: »Aber es war doch so ein 
kleines Eselchen«. Es ist einer der wenigen Vorfälle 
dieser Art, die ich von ihm kenne, wo selbst er die 
Waffen gestreckt hat. 

Aber seine Wahlverwandtschaft mit dem Florenz 
des 15. Jahrhunderts, die wissenschaftlich so wichtig 
geworden ist, wird erst ganz verständlich, wenn man 
daran denkt, daß Florenz damals ein Stadtstaat war, 
und zwar im Gegensatz zu den übrigen italienischen 
Staaten der Renaissance - mit der Ausnahme von 
Venedig - eine Republik; und daß die leitende Rolle 
in diesem Gemeinwesen von einem bürgerlich-kauf¬ 
männischen Patriziat gespielt wurde. Ich glaube, wir 
dürfen ruhig annehmen, daß es in Warburgs Ham¬ 
burger Erfahrungen etwas gegeben hat, was sich in 
ein unmittelbares Verständnis für die Florentiner im 
Zeitalter der Medici umsetzen ließ. Er war davon 
ausgegangen, den künstlerischen Stilwandel in der 
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu untersudien. 


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also von einem formalen Problem, das jedem Kunst¬ 
historiker seinerzeit geläufig war; und in seiner ersten 
Schrifl: hat er, wie Sie vielleicht wissen, Botticellis 
mythologische Bilder behandelt, die Geburt der Venus 
und den sogenannten Frühling, für den er den Namen 
»Das Reich der Venus« vorgeschlagen hat. In dieser 
Schrifl: hat er seine Beobachtung niedergelegt, daß 
Botticellis Stilmerkmale, flatternde Haare und be¬ 
wegte Gewänder, sich auch in der zeitgenössischen 
Dichtung und Kunsttheorie nachweisen lassen, und 
daß sie überall Anzeichen einer erwachenden Vorliebe 
für klassische Vorbilder sind. 

Nun waren die Jahre von etwa 1450 bis 1490, für 
die er sich speziell interessierte, der Zeitraum, in dem 
sich in Florenz eine Wandlung des ganzen Lebensstils 
anbahnte, von der der Stilwandel in der Monumental¬ 
kunst nur ein Teil war und die auch alles Zubehör des 
praktischen Lebens ergriff. Warburg begann also folge¬ 
richtig, Gegenstände des täglichen Bedarfs in seine 
Betrachtung einzubeziehen, und zog dazu nicht nur die 
großen literarischen Zeugnisse heran sondern auch, 
und sogar vor allem, Privatdokumente. Er schuf da¬ 
durch für die Kunstgeschichte etwas, wofür wir in der 
klassischen Altertumswissenschafl: den Ausdruck Re¬ 
alienkunde gebrauchen. Wir mögen heute darin ein 
Erbteil des historischen Positivismus erkennen; zu 
Warburgs Zeit hätte sich kein Kunsthistoriker für die 
Geschäftskontrakte der Medici interessiert, oder für 
das Testament eines ihrer Teilhaber, in dem von Kunst 
nichts vorkommt, oder für die Briefe ihrer Vertreter, 


20 


V ^ 


die über sdiledite Gesdiäfte klagen; derartiges wurde 
den Historikern der Nationalökonomie überlassen. 
Was die Gegenstände des Hausrats anbelangt, so 
gehörten sie nadi damaliger Auffassung zum Kunst¬ 
gewerbe, und ihr Bildersdimudk schien nach Stil und 
Inhalt zu weit entfernt von den Erzeugnissen der so¬ 
genannten »freien« Kunst, als daß man ihn zur Beur¬ 
teilung herangezogen oder sich gefragt hätte, wie 
Warburg es tat, ob nidit vielleicht in beiden Fällen 
die Wahl des Bildinhaltes durdi den Gebrauch mit¬ 
bestimmt war. 

Ich will Ihnen von Warburgs Folgerungen nur ein 
Beispiel geben. Aus der Korrespondenz der Medici 
mit ihren Vertretern in Brügge geht hervor, daß sie 
sidi meterweise Bildteppiche aus Flandern kommen 
ließen. Diese kostbaren Stoffe dienten zur Zimmer¬ 
ausstattung, als Wandbekleidungen oder Bettvor¬ 
hänge, und stellten mit Vorliebe in großen Figuren 
Szenen aus der antiken Geschichte dar. Wenn sie etwa 
für den Hof Karls des Kühnen bestimmt waren, wun¬ 
dern wir uns nicht, burgundische Kostüme darauf zu 
sehen. Nun fiel es aber Warburg auf, daß die Medici 
ihren Agenten, die audi Italiener waren, einschärften, 
darauf zu adhten, daß auf den für sie angefertigten 
Teppidien die Figuren »nadi dortiger Sitte« dar¬ 
gestellt würden. Sie hatten also eine solche Vorliebe 
für den flandrischen Stil, daß sie die heroischen 
Gestalten der Griechen und Römer in der Kleidung 
burgundischer Paladine mit Vergnügen akzeptierten. 
Damit verlor das, was man bis dahin etwas vage als 


21 





den niederländischen Einfluß in der florentinischen 
Kunst bezeichnet hatte, alle Unbestimmtheit. Dieser 
Einfluß erschien als das Produkt einer bewußten Wahl, 
deren Ursprüngen man nachgehen konnte, und die 
Wege, auf denen er nach Florenz kam, stellten sich 
als die des normalen Handelsverkehrs heraus. 

Die Art, wie Warburg an Hand solcher Detailana¬ 
lysen sein Bild von der Mentalität der Florentiner 
Bürger des 15. Jahrhunderts entworfen hat, ist un¬ 
nachahmlich; was wir daraus gelernt haben, ist, daß 
auch aus geringfügigen Dokumenten menschliche 
Stimmen zum Sprechen gebracht werden können. 
Aber nachdem Warburg den ganzen Apparat von be¬ 
stehenden Geschmacksriditungen und Anforderungen 
des praktischen Lebens, der sich zu Anfang dem Stil¬ 
wandel widersetzt hatte, in Anrechnung gebracht 
hatte, stellte sich die Entwicklung des antikisierenden 
Stils der Hochrenaissance viel differenzierter dar als 
bisher. Die Florentiner Entwicklung wurde zu einem 
Hauptzeugen dafür, wie sich die Aufnahme der 
antiken Überlieferung in der Renaissance vollzogen 
hatte und welchen Anteil die Nachahmung von Vor¬ 
bildern aus der klassischen Kunst daran hatte. 

Man sollte denken, daß die Italiener sich nur auf 
ihrem eigenen Grund und Boden hätten umsehen dür¬ 
fen, um die authentischen Zeugnisse der griechisch- 
römisdben Vergangenheit zu erkennen. Aber dazu ge¬ 
brauchte es einer geraumen Zeit. Zunächst hat man 
in Italien, ebenso wie im ganzen mittelalterlichen 
Europa, die Antike in einer Umformung übernom- 


22 





men, die ihren Ursprung in der Spätantike hatte. Die 
Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr 
und mehr gerade auf diesen mittelalterlichen Über¬ 
lieferungsprozeß konzentriert, und wir wissen jetzt 
mehr davon und können ihn auf mehr Gebieten ver¬ 
folgen als es zu Warburgs Zeiten möglich war. 

Aber es ist kein Zufall, daß es ein Kunsthistoriker 
war, von dem diese Forschungsrichtung herrührt. 
Lange nämlich bevor die Zeugnisse der antiken Lite¬ 
ratur und Philosophie wiederentdeckt und verständ¬ 
lich geworden waren, hatten die Gestalten der antiken 
Mythologie in der Erinnerung weiterbestanden. Sie 
waren auch bis zu einem gewissen Grade immer ver¬ 
ständlich geblieben; und zwar deshalb, weil sie in 
Bildern überliefert sind - in Bildern, die sich auf Stein, 
Ton, Metall oder Gemmen erhalten hatten. Es waren 
nur wenige Bildformen, die von späteren Generatio¬ 
nen übernommen wurden, aber diese wenigen wurden 
immer wieder kopiert. »Der Mensch«y pflegte War- 
burg zu sagen, »ist mit wenig Auslagen gearbeitet«. 

Einzelentlehnungen des 15. Jahrhunderts aus der 
antiken Kunst waren natürlich schon bekannt. Es 
gibt ein Skizzenbuch mit Kopien antiker Bildwerke, 
das Ghirlandajo zugeschrieben wird und das den 
Malern und Bildhauern seiner Zeit als Musterbuch 
Vorgelegen haben mag. Die runden Baureliefs im 
Flofe des Palazzo Medici sind Nachahmungen anti¬ 
ker Gemmen, von denen sich die Originale in Loren- 
zos Besitz befunden haben. Aber bei solchen Fest¬ 
stellungen war es geblieben — nach einer Absicht, die 


23 






der Auswahl aus dem antiken Formenschatz zugrunde 
gelegen hätte, war nidit gefragt worden. Man setzte 
voraus, daß die Künstler des 15. Jahrhunderts von 
derselben Verehrung für alles Antike beseelt waren, 
wie sie seit dem 18. Jahrhundert für jeden Gebildeten 
selbstverständlich geworden war. Audi Warburg ging 
zunächst von solchen Einzelentlehnungen aus. Er fand 
zum Beispiel, daß die Vorbilder für Botticellis schrei¬ 
tende oder schwebende Figuren der neu-attisdien 
Plastik entnommen waren. Auf einer Zeichnung aus 
Botticellis Schülerkreise war eine Gruppe von drei 
Figuren nach einem antiken Sarkophag kopiert wor¬ 
den, der damals an der Treppe von Araceli in Rom 
eingemauert war. Aber worin er der Methode der 
Überlief erungsgesdiidite eine neue Wendung gab, war, 
daß er nicht nach dem Was oder Woher der Entlehnung 
fragte, sondern nach dem Warum. Er stellte dabei 
fest, daß es den Künstlern oder ihren Auftraggebern 
und gelehrten Beratern bei ihrer Auswahl nicht in 
erster Linie auf den Inhalt der antiken Bildwerke 
ankam, sondern auf ihre Gebärden. Das Vorbild für 
die rasche Bewegung und die nervöse Mimik von 
Botticellis Figuren war die Haltung der klassischen 
Mänade. Die Gruppe von Apoll und Daphne, in der 
der Gott die Geliebte zu ergreifen versucht, wurde 
zum Prototyp der Liebesverfolgung. Und wenn in 
einem Grabrelief in Sta. Trinitä in Florenz die Trauer 
um den Toten, der dort begraben liegt, dargestellt 
werden sollte, so wählte man als Vorbild einen anti¬ 
ken Sarkophag, auf dem Gestalten im klassischen 


Klagegestus die Leiche des heidnischen Meleager um¬ 
gaben. 

Nachdem Warburg einmal diese Bedeutung der an¬ 
tiken Ausdrucksgesten aufgegangen war, ließen sich 
viele Beispiele dieser Art feststellen. Die Künstler des 
15. Jahrhunderts bedienten sich der klassischen Ge- 
bärdenspradie dort, wo es sich ihnen darum handelte, 
Augenblicke hödister Erregung, Kampf, Triumph, 
Raub, Verzweiflung oder Klage darzustellen. 

Warburg war ein Schüler von Hermann Usener; 
er war also aus seiner Jugend mit der Mythenfor- 
sdiung vertraut. Aber er hat nicht nach der Bedeutung 
der Mythen gefragt, die diesen Darstellungen zu¬ 
grunde liegen. Für ihn waren sie bildgewordene see¬ 
lische Situationen. Medea ist kein Beispiel eines Arche¬ 
typus, wie C. G. Jung es will; ihr Bild ist identisch mit 
der Gestalt, die ihr der Mythos verliehen hat: sie 
erscheint als die eifersüchtige Frau oder als die Kindes¬ 
mörderin. Ebenso ist es für die Bildgestaltung un¬ 
wesentlich, ob Proserpina das Sterben und Wieder- 
erwachen der Vegetation verkörpert; so wie ihr Bild 
uns überliefert ist, ist es ein Ausdruck für gewaltsame 
Entführung geworden. Alle diese Gestalten sind, wie 
Warburg es ausdrückt, Pathosformeln, die in der An¬ 
tike geprägt wurden. Wenn spätere Generationen diese 
Prägungen als Vorbild wählten, so suchten sie darin 
das Pathos der tiefsten Erschütterungen des mensch¬ 
lichen Daseins, dessen klassische Ausdrucksmittel sie 
sich zu eigen machen konnten. Denn die vorgeprägten 
Bildformen bewahren in sich die Erinnerung an die 






tragischen Mythen der Griechen und weisen dadurdi 
in den Bereidi des Religiösen zurück. 

Dieses Gefühl für den Ursprung der gestalteten Form, 
das intuitive Erfassen ihres psychologischen und reli¬ 
giösen Gehalts durchdringt Warburgs ganze Forschung. 
Es verleiht seiner Sprache ihre eigentümliche Eindring¬ 
lichkeit, obwohl sie sich nie von dem historischen 
Einzelfall seiner jeweiligen Untersuchung entfernt. Es 
gibt Mythen, von denen er nicht sprach, weil sie ihn 
zu stark ergriffen. Einer davon ist die Geschichte von 
Oedipus, und ich glaube nicht, daß man dieser Scheu 
Genüge tut, wenn man sie psychoanalytisch erklärt. 
Trotzdem hat Warburg es gewagt, sich auf ein Gebiet 
zu begeben, in dem die klassischen Gestalten nicht als 
Pathosformeln, sondern als offenkundige Dämonen 
erscheinen. Ich meine seine Studien über Astrologie. 

Es ist nicht schwer, die gedankliche Brücke zu schla¬ 
gen, die in seinen Arbeiten von den Pathosformeln 
zur Astrologie führt. Auch die Astrologie ist ein Stück 
bildhafter Überlieferung, die sich von der Spätantike 
bis zur Renaissance verfolgen läßt. Die Namen und 
Figuren der Planeten und die Gebilde des Tierkreises 
sind heute noch Zeugen der mythenbildenden Phan¬ 
tasie der Griechen. Aber die Bilder haben hier eine 
gefährlichere Umformung erfahren als in den künst¬ 
lerischen Ausdrucksformen; sie sind durch die kosmo¬ 
logischen Spekulationen spätantiker, alexandrinischer 
Autoren hindurchgegangen, und in der mittelalter¬ 
lichen Astrologie erscheinen sie als Sterndämonen. Sie 
beeinflussen das Schicksal jedes einzelnen Menschen 


26 



nadi den Zufällen ihrer Stellung am Himmel und 
ihrer mensdienähnlichen Natur, und die astrologisdie 
Praxis stellt einen Versuch dar, ihre Absichten durch 
die Beobachtung und Berechnung ihrer Bewegungen 
2 >m Himmel festzustellen und ihnen so zuvorzu¬ 
kommen. 

Diese Vorstellungen haben in der Gesdiichte, wie 
Sie wissen, eine große Rolle gespielt. Warburg hatte 
recht, wenn er sich als Historiker ihnen zuwandte, und 
seine Untersuchung über Astrologie und den Glauben 
an wahrsagende Mißgeburten im Kreise von Luther 
und Melanchthon ist ein kompliziertes, aber im 
Grunde nüchternes Beispiel seiner Methode, aus Bild- 
und Schriftquellen eine historische Situation zu erfas¬ 
sen. Er hat damit diese Überreste des heidnisdien 
Sdiicksalsglaubens von dem Odium des bloßen Aber¬ 
glaubens befreit und ihre Herkunft aus religiösen 
Vorstellungen klargestellt. 

Aber letzten Endes ist es ihm nicht lediglidi um der¬ 
artige Feststellungen historischer Zusammenhänge zu 
tun. Die Astrologie hatte für ihn eine Bedeutung, die 
uns alle angeht: es spiegelt sich in ihr das Bewußtsein 
von der Unzulänglidikeit des menschlichen Daseins. 
In seiner Hilflosigkeit dem Sdiicksal gegenüber greift 
der Mensch zur Magie; er beginnt mit den Bildern zu 
manipulieren - aber zu seinem Schaden. Zwar lebt in 
der Vorstellung, daß der böse Saturn die guten Ein¬ 
flüsse des Planeten Jupiter durchkreuzen kann, noch 
die Erinnerung an den Kampf zwischen Kronos und 
Zeus. Aber die Bildgestaltungen des Mythos haben 


27 


i 





hier nicht mehr, wie in der Kunst, die Funktion von 
Vorbildern; sie sind zu Abgöttern geworden, die den 
Menschen in Furcht und Schrecken halten. 

Allerdings, in der Astrologie steckt noch etwas An¬ 
deres, Tröstlicheres. Neben der Dämonenfurcht sind 
in ihr die Überreste einer rationalen Erklärung des 
Kosmos enthalten, die auch ein griechisches Erbe ist. 
Der Versuch der Astrologen, die Bewegungen dieser 
dämonenförmigen Himmelskörper zu verfolgen, war 
noch im 16. Jahrhundert der Ausgangspunkt für die 
exakten Beobachtungen von Tycho Brahe und Kepler. 
Aber nachdem einmal auf Grund der wiederbelebten 
griechischen Wissenschaftslogik die Planetenbahnen 
mathematisch errechnet worden waren, mußte sich das 
Bewußtsein vom Verhältnis zwischen Weltall und 
Kreatur grundlegend verändern. Anstelle der greif¬ 
baren Nähe der Gestirne, die dem Menschen auf den 
Leib zu rüdken drohten, trat, wie Warburg es aus¬ 
drückt, »der Denkraum der Besonnenheit«. Nicht 
daß damit die Menschheit ein für allemal von der 
Furdit vor Dämonen und dem Glauben an die Macht 
der Sterne befreit worden wäre. Wir haben es selbst 
erlebt, wie sie sich immer wieder melden, wenn die 
Gemüter von Unruhe ergriffen werden. Ich erinnere 
Sie an die Flut von Prognostiken und Meldungen von 
der Geburt monströser Geschöpfe, die zur Zeit der 
Machtergreifung Hitlers erschien. Und überall gibt es 
Zeitungen, in denen Horoskope gestellt werden, und 
astrologische Wochenblättdien, die eifrig gelesen wer¬ 
den. Warburg selbst hat erzählt, daß nach Vorträgen, 


28 





in denen er die Gefahren der Astrologie in ihrer heu¬ 
tigen Ausübung anprangern wollte, Leute zu ihm 
kamen, die ihm sagten: »Wenn so ein gelehrter Mann 
wie Sie sich soviel damit ab gibt, dann muß doch etwas 
Wahres dran sein<(. 

Magie und Logik, das Doppelantlitz der Antike, 
das zum Schicksal der europäischen Kultur geworden 
ist, sind auch die beiden Pole, zwischen denen das 
Pendel des individuellen Bewußtseins hin und her 
schwingt. Daß der Mensch immer wieder in die Magie 
zurückfällt, enthebt ihn nicht der Verpflichtung, im¬ 
mer wieder den Versuch zu machen, sich durch eigenes 
Denken von ihrem Zwang zu befreien. In Warburgs 
Worten: »Athen muß immer wieder aus Alexandria 
gerettet werden«, 

Warburg glaubte an die Macht der Vernunft; er war 
ein Aufklärer, gerade weil er das Vermächtnis der dä¬ 
monischen Antike so gut kannte. Lessings Laokoon 
war der große Einfluß seiner Jugend gewesen, und er 
fühlte sich der deutschen Aufklärung des 18. Jahr¬ 
hunderts verpflichtet. Ebenso nahe, und aus denselben 
Gründen, fühlte er sidi einer anderen Figur der deut- 
sdien Geschichte, die im Mittelpunkt seiner Darstel¬ 
lung des Dämonenglaubens der Reformation steht: 
Martin Luther. Daß er selbst in Luther den wirren 
Glauben an Kometen, Monstren und Meteore fest¬ 
stellen mußte, die als Warnungssignale vom Himmel 
geschidit werden, gehörte für ihn zu der Ambivalenz, 
die er jeder gesdilchtlichen Erscheinung zugestand. 
Aber er sah trotzdem in der deutschen Reformation 


29 



eine der großen europäischen Bewegungen, die den 
Weg zum selbständigen Denken freigemacht haben 
und zu der Anerkennung des Rechtes des Individuums 
führen, seine eigenen religiösen und moralisdien Ent¬ 
scheidungen zu treffen. Die Reformation war für ihn 
eine fortschrittlidhe Macht. 

Hier komme ich zu dem letzten Punkt, den ich Ih¬ 
nen in Warburg nahe bringen möchte. Er kam aus 
einem Elternhaus, das an der Tradition des ortho¬ 
doxen Judentums festhielt. Seinen ersten Akt der 
Aufklärung hat er an sich selbst vollzogen. Als er 
nach Bonn auf die Universität ging, erklärte er seinen 
Eltern, daß er von nun an die jüdischen Speisegesetze 
nicht mehr beobachten würde. Sidier hätte er dies 
auch ohne Wissen der Eltern durdiführen können, 
aber das wäre für ihn keine echte Emanzipation ge¬ 
wesen. Er hatte sich damit den Zugang zu einem Weg 
geöffnet, auf dem er weiter fortschritt. Die Verhält¬ 
nisse der Gründerjahre in Deutschland waren der As¬ 
similation günstig; in Hamburg waren sein Bruder 
Max und dessen Freund Ballin in fraglos anerkann¬ 
ten einflußreichen Positionen. Warburg selbst hat sein 
militärisches Dienstjahr mit einer geradezu rühren¬ 
den Freude und Gewissenhaftigkeit erfüllt. Er hat es 
dem kaiserlichen Deutschland nie vergessen, daß es 
die Juden gut behandelt hat, und hat es auch später 
nicht gern gehört, wenn man etwas daran bekrittelte. 
Noch im Jahre 1929 hat er den früheren Reichskanz¬ 
ler Bülow in Rom besucht - obwohl dies vielleicht mit 
einem leichten Augenzwinkern geschah, weil er Bü- 


30 



lows italienische Frau so gern hatte. Und obwohl 
er sich mit Deutschland so rückhaltlos identifizierte, 
wie es uns, der nächsten Generation, schon vor Hit¬ 
ler nicht mehr möglidi gewesen wäre, trotzdem ist 
er die Furdbt vor Antisemitismus nie ganz los ge¬ 
worden. Eine kleine Bemerkung von ihm spricht hier 
mehr als viele Worte. Als sich in seinem eigenen 
Hause in Florenz eine Freundin seiner Frau mit einem 
seiner jüngeren Kollegen verheiratete, er also jeden 
Grund gehabt hätte, sich als dazugehörig zu fühlen, 
schrieb er in sein Tagebuch: »Mary und ich nicht mit 
zur Kirche gegangen. Es ist bessery man wundert sich, 
daß wir nicht mit dabei sind als daß sich jemand wun¬ 
dert y daß wir dabei sind^. Der Hellsichtigkeit, die aus 
einer solchen zwiespältigen Stellung herrührte, ist es 
vielleicht zuzuschreiben, daß er zu den wenigen ge¬ 
hörte, die außer sich waren, als Bethmann-Hollweg 
anläßlidi der Verletzung der belgischen Neutralität 
das Wort vom »Fetzen Papier« sprach; und in der 
ersten Hälfte August 1914, als ganz Deutschland über 
den geglückten Vormarsch in Frankreich im Freuden¬ 
taumel schwelgte, stehen in seinem Tagebudi die pro¬ 
phetischen Worte: »Wir siegen uns zu Tode«. 

Der Stolz auf die jüdisdie Eigenart, der in der Or¬ 
thodoxie immer bestanden hatte und der sich unter 
dem Drud^ des Antisemitismus später auch bei freisin¬ 
nigen Juden entwickelte, war ihm fremd, und wo er 
ihm begegnete, hat er ihn scharf verurteilt. Er hatte 
seine eigene Antwort auf die Frage, wodurch sich die 
Juden von ihren Gastvölkern unterscheiden: Wir sind 


31 


zweitausend Jahre länger Patienten der Weltgeschich¬ 
te gewesen<(. Mehr war nicht daran; aber wer War- 
burgs Diktion kennt, für den ist es nicht schwer, in 
dieser Formulierung den spradilichen Zusammenhang 
zwischen »Patient« und »Passion« herauszuhören: 
Amor fati. 

Es ist kein Zweifel, daß seiner Person etwas von 
einem alttestamentarischen Propheten anhaflete. Alle, 
die je die Fülle und Beredsamkeit seines Zornes an 
sich erfahren haben, müssen das empfunden haben. 
Aber man denkt bei ihm auch an das Flegel-Wort, daß 
der Historiker ein rückwärtsgewandter Prophet sei. 
Warburg hat seine wissenschaftliche Aufgabe als eine 
Sendung empfunden; er sprach vom »Problem, das 
ihn kommandierte« - dem er leidend gehorchte, trotz 
der Anfälligkeit seines Körpers, trotz des Unverständ¬ 
nisses, dem er vielfach begegnete und trotz der eige¬ 
nen Verzagtheit, der er nur zu häufig ausgesetzt war. 
Es sollte, wie er es einmal ausdrückte, seiner For¬ 
schung »kein Hauch blasphemischer Wissenschafleiei 
anhaflen«. 

Und nun lassen Sie midi mit einem kleinen auto¬ 
biographischen Satz schließen, den Warburg einmal 
auf italienisch niedergeschrieben hat: »Ebreo di san- 
gue, Amburghesedi cuore, d'animaFiorentino«, »Jude 
von Geburt, Hamburger im Herzen, im Geiste ein 
Florentiner«. Er hat selbst vielleicht gar nicht so 
genau gewußt, was für eine seltene Verschmelzung 
diese drei Elemente in ihm eingegangen waren. 
















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